• Tür zu hinter ben AliTunesien - ein wunderschönes Land mit freundlichen und fleißigen Menschen, die sich abstrampeln und von einem korrupten und diktatorischen Regime um die Früchte ihres wirtschaftlichen Erfolges geprellt werden. Dass sie sich wehren, scheint mir längst überfällig. Und trotz der brutalen Reaktion der Führung, die mehr als 60 Tote forderte, scheinen die Proteste erfolgreich zu sein. Ben Ali ist heute zurückgetreten und hat das Land verlassen, die Regierung in Paris bestätigt noch nicht seine Ankunft, vielleicht hat er sich ja auch direkt in die USA abgesetzt. Jedenfalls hat er in der Zeit seiner Diktatur genug Geld aus dem Land geschafft, um  den Rest seines Lebens in Luxus zu verbringen. Dabei wird er mit Sicherheit nicht gestört oder womöglich an sein Land ausgeliefert, denn schließlich war er dem Westen immer ein guter Freund.
    Wie ich gerade in den Nachrichten höre, sind im Moment 6000 bis 8000 deutsche Touristen in Tunesien, die nicht zurückgeholt werden können, weil der Luftraum gesperrt wurde, vielleicht, um Ben Alis Maschine in Ruhe abheben zu lassen. Flüge von Deutschland nach Tunesien sind zur Zeit annuliert.

    Kurz vor 20 Uhr hat Ben Alis Maschine Malta überflogen in Richtung Norden, in Frankreich regen sich bereits die ersten Stimmen, dass es nicht anginge, ihn aufzunehmen. Andererseits bereitet man sich dort auch schon darauf vor, sich so richtig schön in Tunesien einzumischen unter dem Vorwand, den Tunesiern beim Aufbau einer Demokratie zu helfen. Es ist leichter, sich gegen seine Feinde zu wehren als gegen seine Freunde.

    Ich meine ja, Ben Ali sollte in Italien landen, da kann er schön mit Berlusconi über Zensur und gelungene Fernsehprogramme fachsimpeln und sie können sich gegenseitig die Haare färben.

    Eine Tochter und eine Enkelin von Ben Ali sind in Paris gelandet, jedoch wurde offiziell vermeldet, man wünsche keine Landung von Ben Ali. Wenn er darum bäte, würde man die Behörden in Tunesien konsultieren. Sehr witzig, der Mann fliegt doch nicht ziellos in der Welt herum.

    Le Monde.fr: 
    La radio privée tunisienne Nessma annonce l'arrestation du genre de Ben Ali et d'autres membres de sa famille.

    Ben Ali selbst scheint in Richtung Golfstaaten unterwegs zu sein, eigentlich ganz klug, die Jungs liefern keinen arabischen Diktator aus, schließlich gehören sie ja auch zum Club. Und sein Geld bzw. das Geld der Tunesier ist vielleicht auch schon da.
     
    Die bestgehasste Frau Tunesiens ist Leïla Trabelsi, die Frau von Ben Ali. Sie und ihre Familie stehen für Korruption und Selbstbedienung am Vermögen des tunesischen Volkes. Die Villen der Familien wurden heute geplündert, aber offensichtlich hatten die bereits ihre Reichtümer in Sicherheit gebracht. Die Trabelsis selbst sollen sich auf dem Weg nach Dubai befinden.
    Leïla Trabelsi war übrigens vor ihrer Ehe Friseuse, worüber in Tunesien zahlreiche Witze kursierten.

     

    Le Monde zeigt in einem Liveticker die Abfolge der Ereignisse.


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    Heute Nacht (6.1.2011) erwachte ich vom schaurigen Klang der Sirenen. War Krieg ausgebrochen, fielen die ersten Bomben? Hatte die neuerliche Verfügbarkeit von Streusalz zu einer plötzlichen Schmelze der Schneeberge am Straßenrand und dadurch zu einer städtischen Hochwasserkatastrophe geführt? Und wie genau lauteten die Signaltöne für diese Fälle?  Ich kenne nur dreimal kurz für Feueralarm, habe auch noch nie ein anderes Signal gehört, zum Glück. Auch diesmal blieb es beim dreimaligen Aufheulen. Da ich im unverdunkelten Zimmer schlafe, reichte ein Blick in Richtung Fenster, um ein Flammenmeer vor dem Haus auszuschließen, auch sonst drang kein Brandgeruch an meine Nase, und sowieso hatte ich weder gekocht noch gekokelt.  Also umgedreht und weitergeschlafen.
    Neugierig war ich aber doch, also schaute ich im BBV nach, und siehe, heute Nacht brannte es in einem Reifenlager an der Franzstraße., Ecke Königsmühle. Luftlinie ist das nicht weit weg von hier, aber man riecht nichts. Nur werden bei Bränden erhebliche Mengen an Dioxin freigesetzt, was ja nicht so doll sein soll für die Gesundheit. Aber nein, es ist mal wieder gut gegangen: "Die Feuerwehr alarmierte über Sirenen weitere Mitarbeiter ...  Wie Dekker sagte, hätten nicht all zu viele Reifen Feuer gefangen, so dass sich kein giftiger Rauch entwickelte. Eine Gesundheitsgefährdung habe nicht bestanden."
    Das beantwortet auch die Frage, die ich mir im Halbschlaf noch stellte, nämlich die nach dem Zweck des Sirenengeheuls bei Feueralarm.  Es soll wohl nur die Feuerwehrleute wecken.
    Feuer gab es gestern auch in den Niederlanden  beim Großbrand in einem Chemieunternehmen in Moerdijk, etwas weiter entfernt, aber spätestens seit Eyjafjallajökull weiß man, dass sich Asche und Gifte grenzüberschreitend ausbreiten. So wie Dioxin. Wie ich auf google maps feststellen konnte, liegt der Brandort ziemlich genau zwischen Douai und Bocholt. Nun hängt es wohl vom Wind ab, wer die toxische Ladung abkriegt, oder?
    Aber nein, Entwarnung ist angesagt: "Ein Polizeisprecher sagte dem niederländischen Fernsehen nach dem Ausbruch des Brandes, die auf dem Gelände gelagerten Chemieprodukte seien "giftig, ätzend und brennbar", doch hätten alle 50 Angestellten der Firma unverletzt in Sicherheit gebracht werden können. Die Stadtverwaltung evakuierte angrenzende Firmen und wies die Bewohner Moerdijks an, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Später gab sie jedoch Entwarnung: Es seien keine Giftstoffe freigesetzt worden."
    Also Fenster auf und frische Luft reinlassen!

    Dioxin ist ja in den letzten Tage ein bisschen in Verruf geraten, manche Verbraucher mögen keine Eier mehr essen. Das erinnert mich an den Frühling 1986, als man plötzlich auch nach der letzten Vorlesung noch frische Milch kaufen konnte in der Kaufhalle, was sonst völlig ausgeschlossen war. Damals gab es auch in der DDR außergewöhnlich viel Gemüse aus dem Westen im Angebot. Mal sehen, wer jetzt unsere Eier und Hähnchen bekommt. Ein paar Eier wurden zur Weiterverarbeitung in die Niederlande geliefert, da sind sie jetzt vermutlich in pannekoeken und fritessaus zu finden.  Na ja, da muss man sich als Gourmet in der Grenzregion ein bisschen zurückhalten.
    Aber eigentlich ist es mal wieder halb so schlimm: "Für die Verbraucher sieht der Bauernverband zunächst keine neue Bedrohungslage. "Die ersten Ergebnisse zeigen, dass sie, mit Ausnahme einiger Betriebe in NRW, weit unter dem zulässigen Grenzwert liegen", sagte Born."

    13.1.2011: Heute ist die Schifffahrt (das wollte ich immer schon mal schreiben) auf dem Rhein gesperrt, weil die Loreley sich als jüngstes Opfer einen Kahn mit Schwefelsäure ausgesucht hat. Bis auf die ertrunkenen Seeleute ist aber niemand in Gefahr, auch nicht der Rhein. War ja klar.
    Andererseits steht in der gleichen Zeitung ein langer Artikel zu unseren verrotteten Sirenen und unzureichenden Alarmsystemen, die die Bevölkerung nicht sinnvoll über Chemieunfälle benachrichtigen könnten.
    Rühmliche Ausnahme soll die Chemieindustrie entlang der Rheinschiene sein. Das muss an der Loreley liegen, vor der sie solche Angst haben.
    Wie kommt es, dass sich gerade jetzt unsere Politiker mit der Sirenenfrage beschäftigen? Ist die Loreley nicht überhaupt auch eine Sirene ?
    Und wie sinnig sind Warnsysteme mit Autohupen und Feuermeldern? In unserer Schule kommt ab und zu die Feuerwehr, gern auch Freitags, wo kaum jemand an der Übung teilnimmt, dann findet sie immer wieder neue fiktive Sicherheitslücken, die sie mit realen Sicherheitsproblemen stopft. Zum Beispiel dürfen im 1. Stock alle Fenster im Gang nicht mehr zu öffnen sein, was im Sommer eine echte Qual ist. Auf der Hofseite in den Klassen sind sie jedoch zu öffnen, schließlich sind Fenster ja Notausgänge. Rausfallen kann aus den Gangfenstern ohnehin keiner, dafür liegen sie zu hoch und sind zu klein. Aber im Notfall würde ich lieber ins Gebüsch unter den Gangfenstern als auf den Asphalt unter den Klassenfenstern springen. Witzigerweise sind die Fenster im 2. Stock nicht verriegelt, obwohl der Fall dort tiefer wäre. Dort mussten wir auch in einer Klasse einen Wanddurchbruch zur Nachbarschule machen, um einen neuen Notausgang zu schaffen. Die Tür darf nicht verschlossen werden, also kann von dort  jemand eindringen mit allen Konsequenzen. Es ist übrigens die einzige Klasse mit zwei Türen. Als ich bei solch einer Begehung mal einen Feuerwehrmann fragte, warum er sich nicht daran störte, dass wir keine Rauchmelder hätten, antwortete er mir, das sei nicht Vorschrift. Das ist es also, Vorschriften müssen erfüllt sein, dann kann im Ernstfall die Verantwortung abgeschoben werden, aber um reale Gefahrenabwendung geht es nicht. Ich finde es wenig beruhigend, dass ich ggf. vorschriftsmäßig ersticke oder verbrenne. Und noch absurder finde ich die Maßnahmen für einen Fall von Amoklauf, aber die sind geheim.


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  • "Für das Jahr 2011 Gesundheit, Wohlergehen und das oft­mals notwenige Quentchen Glück." Günter Steins, Bürgermeister von Kranenburg

    "Herzliche Grüße, und uns allen: Wellness, Westgeld, Wohlgefallen!" Petit Larousse

    "Ich wünsche Ihnen und Ihren Familien für 2011 Gesundheit, Kraft, Zufriedenheit und Gottes Segen." Na??  Mal ganz originell.

    "Bonne année à tous. Grâce à vous, on peut dire bonne année même au mois de février ! Voilà un apport symbolique de l'Asie à la culture française !" Nicolas Sarkozy, 16.2.2010

    Niedlicher sind auf jeden Fall diese Kätzchen.

     Und ich freue mich über den 3333. Besucher in diesen Minuten.

    Adventskalender


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  • AdventskalenderWeihnachten ist vorbei, endlich, jetzt ist wieder die Zeit Adventskalenderdes unzeitgemäßen Weihnachtsbrimboriums. Wie verfrühte Stollen im September bleiben die verspäteten Weihnachtsbeleuchtungen noch eine ganze Weile hängen, und auch die letzten Marzipankartoffeln müssen noch verkauft werden. Die Krippen und Weihnachtsbäume haben den kirchlichen Segen bis zum 6. Januar, da kommen ja noch die Hl. Drei Könige. Damit die Entwöhnung nicht zu schnell passiert, greift man gern auch auf heidnische Feste zurück, die uns noch eine Weile mit Licht und Feuer verwöhnen. 

     AdventskalenderSogar die katholischen Italiener lassen ausgerechnet in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar eine Hexe los, die das Jesuskind sucht, la Befana. 2005 habe ich auf dem Markt der Piazza Navone eine Befana gekauft, die kann ich mir jetzt statt Adventskranz aufhängen.
    Überhaupt gibt es zwei Länder, in denen man so richtig mit allem Schnick und Schnack und auf historischem Boden Weihnachten feiern kann, Israel / Palästina und Italien. Da ich nicht vorhabe, nach Betlehem oder Jerusalem zu pilgern, wo die meisten ohnehin nicht christlich sind, preferiere ich Weihnachten in Rom. AdventskalenderFast hätte ich da auch mal einen Segen abbekommen, aber wir waren wegen der typisch italienischen Zeitrechnung zu spät am Petersplatz, der Papst (Johannes Paul II) Adventskalenderhatte gerade den Balkon verlassen.
    Das letzte Mal war ich vor fünf Jahren in Rom, auch in der Weihnachtszeit, da habe ich nicht mal versucht, Benedettos Segen zu bekommen. Trotzdem haben wir den Vatikan intensiv besucht und uns am religiösen Dekor erfreut. Ganz schick auch die Shopping-Meile für Päpste.
    Nichts geht aber über Lucias blinkenden Weihnachtsbaum.
    AdventskalenderEigentlich habe ich es immer schon genossen, zu Weihnachten zu verreisen, lange Jahre nach Frankreich, wo ich das beste Festessen überhaupt bekam.Adventskalender Dann Kanada, wo man den USA in Sachen Dekoration und Kommerz durchaus nacheifert. Ausgerechnet da fing es aber erst am 28.12. an zu schneien. Andererseits gibt es Läden, die das ganze Jahr über Weihnachtsdeko verkaufen, der beste ist in Niagara-on-the-Lake.

    AdventskalenderSogar in Tunesien bekam man zumindest im Hotel seine Dröhnung ab, und auf Malta wurde die Altstadt von Valetta nicht nur geschmückt und beleuchtet, Adventskalendersondern auch beschallt, besonders gern mit Modern Talking. Auf Malta kann man übrigens sehen, wie groß Weihnachtssterne werden, wenn es nicht schneit. Überall stehen sie dort in Gärten und Parks.
     

    Ich möchte zu Weihnachten mal nach Florida fliegen, vielleicht nächstes Jahr.

     


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  • Klar, was sonst! Aber dieses Jahr gibt es keine Bücher von Amazon. Bücher und Zensur, das passt nicht zusammen.
    Leider verschwinden die kleinen Buchläden immer mehr, woran sie zum Teil auch selbst schuld sind, mir fallen da ein paar Dinge ein, die ich nicht sonderlich kundenfreundlich fand. Bei Böckenhoff & Honsel in Bocholt zum Beispiel sollte ich für die Bestellung eines Buches eine relativ hohe Gebühr zahlen, die einbehalten würde, wenn ich das Buch doch nicht kaufte. Na, dann nicht. Über Hinzen in der Unterstadt in Kleve könnte ich Romane schreiben, aber sie sind ohnehin nicht mehr da.
    Die Mayersche Buchhandlung in Bocholt ist ein Gemischtwarenladen, Bücher nach Titel oder Autor zu finden ist unmöglich, ohnehin gibt es nur das, was Laufkundschaft mitnehmen möchte. Kleve war mal ein Bücherparadies, das hat sich erledigt, einige gute Buchhandlungen haben geschlossen, aber zwei weiß ich noch, bei denen ich meine Weihnachtsbücher finde.  Und dann gibt es noch das Bücherlädchen Kranenburg von Ingrid Hareter, eine winzige Buchhandlung, die sicherlich nicht lange bestehen wird, leider, aber dieses Jahr bestelle ich dort ein paar Bücher. Leider hat das Bücherlädchen keine Website.

    Bücherlädchen Kranenburg
    Große Straße 51

    47559 Kranenburg (Kranenburg)

    Telefon: (02826) 918585

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  • ist außer meinem Job und den großzügigen Öffnungszeiten der Geschäfte unter anderem die städtische Müllentsorgung. Ohne Quatsch, da hat eine Stadt mal ein intelligentes und bürgernahes System entwickelt, das rasend gut angenommen wird. Gerade habe ich meine gesamten Gartenabfälle auf dem großen Parkplatz am Wald abgegeben, wo im Herbst samstags immer ein Wagen der Stadt steht. Außerdem sind die Mitarbeiter in den orangen Anzügen total nett und helfen einem beim Schleppen und Entleeren. Die Biotonne reicht halt im Herbst nicht für das ganze Laub, die ausgeblühten Pflanzen und meine toten Äste und Bäume.

    Sinnvoll finde ich auch die vielen gut erreichbaren Container für Altglas und Altpapier. In Kleve (und auch in Kranenburg) hat man zu Zeiten, als ich noch dort wohnte, bereits alle Container abgeschafft. Was zum Beispiel dazu führte, das jeder Haushalt riesige Plastikbehälter für Altglas bekam, jeweils einen weißen, grünen und brauen. Die einen hatten keinen Platz zum Abstellen, die anderen freuten sich über kostenlose Behälter für alles Mögliche. Da die Behälter ohnehin nach der Leerung oft gestohlen wurden, konnte man sich auch dauernd neue holen. Das muss ziemlich teuer sein für die Stadt, mal abgesehen von der Feststellung, dass die Müllwerker es dauernd im Rücken haben vom Bücken und Heben. Aber nein, man führt die Container nicht wieder ein, da ist man in Kleve eisern.
    Ich frage mich nur, wie die Bürger mit dem öffentlichen Outing umgehen, wenn jeder bei einem Spaziergang feststellen kann, wer in Kleve was und wieviel trinkt.

    So, eine wichtige Kleinigkeit hatte ich noch vergessen. Wenn ich Bocholt mal mit der Kreisstadt Borken vergleiche, wo ich ja auch arbeite, so muss ich sagen, dass es hier doch viel lebendiger ist. Und ganz wichtig: In Bocholt haben wir Aldi Süd (3x), in Borken dagegen beginnt das Reich von Aldi Nord (1x). Außerdem gibt es kurz hinter der Stadtgrenze von Bocholt noch Aldi NL. Der große Unterschied liegt im umfangreicheren Sortiment, der teilweise besseren Qualität und besonders in den wechselnden Angeboten. Bei Aldi NL gibt es überhaupt nur Tüddelkram im Angebot.
    Wie Nikolaus zu sagen pflegt: Ich lebe an der Benrather Linie der deutschen Discounter. Und wer Aldi Nord kennt, weiß, dass ich auf der besseren Seite der Linie wohne.


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  • Ich lese regelmäßig den kritischen Kleveblog, und die Rheinische Post online ist meine Startseite. Aber bei allem Lokalpatriotismus ärgere ich mich doch immer wieder über die Dumpfheit und Dummheit der Klever Stadtväter und Bestimmer. Was der Krieg nicht zerstört hat, wurde in den 60er und 70er Jahren plattgemacht. Ich kann mich noch an viele Gebäude wie die Villa Steiger und das Hotel Bollinger erinnern, auch wurde die wunderschöne Front von Jugendstilvillen an der Tiergartenstraße mit riesigen Gärten und alten Bäumen damals noch nicht vom Klever Ring zerschnitten, das war ein Großvorhaben Ende der 70er. Das alte Kurhaus wurde jahrzehntelang vernachlässigt und als Möbellager einer Klever Firma genutzt. Heute befindet sich dort das Museum Kurhaus, es grenzt an ein Wunder.
    Man steckt in Kleve nicht so gern Geld in sein historisches und kulturelles Erbe, lieber speist man bodenlose Fässer wie den 1. FC Kleve, der durch Misswirtschaft und Steuerhinterziehung inzwischen mehrere Millionen Schulden angesammelt hat. Es sah fast so aus, als würde die Stadt auch diesmal den Retter für den Klever Klüngel spielen, aber die Stimmung in der Bevölkerung geht wohl nicht dahin, einen Verein mit Millionen zu unterstützen, der pro Spiel um die 60 Zuschauer ins Stadion lockt.
    Einer der großen Sponsoren des 1. FC Kleve ist anscheinend die Volksbank Kleverland. Als die Varnhagen Gesellschaft im Jahre 2004 eine mehrtägige wissenschaftlich-kulturelle Tagung im Klever Schloss Gnadenthal  veranstaltete, versuchte ich auch vergebens, der Volksbank eine kleine Spende zu entlocken. Säuerlich wurde mir mitgeteilt, dass nur Klever Vereine unterstützt würden. Dabei wollten wir ja keine Millionen, sondern vielleicht 100 oder 200 Euro. Nun, beim derzeitigen Debakel der Volksbank als Sponsor und Kreditgeber der begnadeten Fußballer bleibt der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Kleverland, Frank Ruffing, erstaunlich gelassen. Aber klar, niemand greift den Bankern in deren eigene Tasche, wenn sie Geld verbrannt haben.

    Andererseits gibt es auch Spendenanfragen an die Varnhagen Gesellschaft, die im Bereich des Absurden liegen. So möchte eine Dame, deren Funktion nicht genannt wurde, Geld, um an der Rahel-Varnhagen-Promenade in Berlin ein Schild aufzustellen oder eine Hecke zu kürzen. Wohlgemerkt, der einzige Zusammenhang zwischen der Anfrage und der literarischen Gesellschaft ist der Straßenname. Angeblich wird diese Promenade von rasenden Radfahrern unsicher gemacht, die dort die Kinder aus einer Kita anfahren. Nun könnte man ja argumentieren, dass die Varnhagen Gesellschaft sehr wohl verantwortlich ist für das, was auf der Varnhagen-Promenade passiert. Zum Glück gibt es nicht ganz so viele Varnhagenstraßen, -gassen oder -plätze auf der Welt.

    Aber Spendengesuche sind eher die Ausnahme. Häufiger erhält die Varnhagen Gesellschaft Anfragen in mehr oder minder netter Form zu den unterschiedlichsten Themen wie Salonleben, Biographien, Literatur, Kunst und Geschichte. Oft sind es SchülerInnen oder StudentInnen, die Referate über Rahel Varnhagen oder die Salonkultur schreiben und um Informationen oder Materialien bitten.

    Der Vorsitzende hilft hier immer gern weiter und bittet im Gegenzug um ein Exemplar der jeweiligen Arbeit für die Varnhagen Sammlung.
    Manchmal sind die Anfragen auch sehr spezieller Natur, so zum Beispiel, wenn ein Wiener Kunsthistoriker glaubt, auf einem alten Flügel Abbildungen von Rahels Salon entdeckt zu haben und sich vergewissert, ob dies aufgrund biographischer Gegebenheiten überhaupt möglich ist. Leider ließ sich das nicht durch Belege erhärten, aber es entspann sich doch ein interessantes Gespräch darüber. Die meisten Anfragen sind sehr freundlich und führen mitunter zu einer Mitgliedschaft oder zumindest einem netten Kontakt.
    Manchmal erreichen den Verein aber auch knappe, fordernde Anfragen, bei denen bereits das Fehlen des banalen Wortes "bitte" aufstößt. So schrieb ein Berliner Redakteur und Sprecher privater Stadtentwicklungs-Gesellschaften eine kurze Email mit folgendem Wortlaut: "Sehr geehrte Damen und Herren, können Sie mir die Adresse des Varnhagen’schen Salon bzw. der Treffen um Henriette Herz in Berlin übermitteln? Mit freundlichen Grüßen". Keine Unterschrift, kein persönliches Wort, kein Bitte: Zeit ist Geld.
    Soll man solch eine Anfrage einfach ignorieren? Oder soll man, wie der Vorsitzende es tat, zunächst nachfragen, wozu die Information gebraucht wird, und auf die Spielregel hinweisen, dass der Verein gern ein Exemplar des fertigen Artikels hätte? Oups, das kam beim dienstleistungsorientierten Berliner Redakteur denkbar schlecht an. In pointierter Form ließ er den Vorsitzenden wissen, dass er zu spuren oder seine Einstellung zu überdenken hätte. Hier der Wortlaut der Email in voller Schönheit:

     "Sehr geehrter Herr Dr. G. (Name im Original ausgeschrieben), danke für die Antwort. Wir möchten Sie mit unseren Recherchen nicht dazu veleiten, das kostbar erworbene Herrschaftswissen einfach so abgeben zu müssen. Deshalb haben wir uns bei der Recherche nach den Salons in der Berliner Mitte der frei zugänglichen Litaratur bedient. Wir wünschen Ihnen deshalb noch viel Erfolg mit Ihren "Spielregeln" und beim weiteren, hoffentlich weiter kraftvollen Wirken ihres Vereins. Wenn Sie sich einmal grundsätzlich über die Pressefreiheit in Demokratien und die verbreitete Einflußnahme auf die freie Berichterstattung durch vinkuliert, d.h. zweckgebunden vergebene Infomationen informieren wollen stehen wir Ihnen gern zu Verfügung.
    Wit empfehlen Ihnen zudem diese Praxis vor dem Hintergrund ggf. vorliegender Gemeinnützigkeit, d. h. Unterstützung durch die Öffentliche Hand zu überprüfen.
    Mit freundlichen Grüßen" (Rechtschreib- und Zeichenfehler im Original).

    Es ist wirklich bemerkenswert, dass der Redakteur sich die Zeit nimmt, ein schwieriges, aus dem Aktiengeschäft entlehntes Wort zu erklären und selbst in der frei zugänglichen Literatur nachzusehen. Hätte er doch seine Recherche auch gleich noch auf die Bedeutung von "Herrschaftswissen" und "Gemeinnützigkeit" ausgedehnt, dann wüsste er, dass ein gemeinnütziger Verein keine "Unterstützung durch die Öffentliche Hand" erhält, sondern durch unentgeltliche, gemeinnützige Tätigkeit und Mitgliedsbeiträge existiert. Und auch das sicherlich umfangreiche Wissen von Dr. G. gründet sich letztlich nur auf frei zugängliche Literatur.

    Oder ist es doch schon so, dass heute jedes Wissen, das nicht per Mausklick vom heimischen Sessel aus gegoogelt oder in einer schnodderigen Email eingefordert werden kann, als Herrschaftswissen gelten muss, da es sich zwischen Buchdeckeln verbirgt und den Autor zwingt, seine knappe Zeit in Bibliotheken zu vergeuden?

     


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