Eigentlich schon Tag 2, aber gestern war ich ja nochmal in der Schule. Den Tag zähl ich nicht mit, offiziell war ohnehin Freitag der letzte Schultag. Heute wache ich auf und denke, dass ich keine, überhaupt keine Verpflichtung habe, auch nicht bis Montag Unterricht vorzubereiten, echt komisches Gefühl. Also lieber noch eine Runde im Bett gedöst und die neue Situation überdacht.
Dann Frühstück für mich und Bronson, Ragout mit Pute für Bronson und Kaffee mit Milch für mich.
Computer angemacht und tief geschluckt, als ich die Schlagzeilen aus Oslo las. Da lief kein verwirrter Jugendlicher Amok in seiner Schule, sondern ein Erwachsener beschloss kaltblütig, möglichst viele Jugendliche in ihren Ferien zu ermorden, nachdem er bereits die Innenstadt bombadiert hatte. Ein Irrer sicherlich, aber kein Geisteskranker, das finde ich besonders gruselig. Le Monde nennt den Namen des Verhafteten, den norvegische Medien veröffentlichen, obwohl die Polizei ihn noch nicht preisgibt. Anders Behring Breivik soll sich auf seinem Facebook-Account als christlicher Konservativer darstellen, im Moment gibt es allerding ziemlich viele Seiten unter seinem Namen, die ihr Beileid mit Norvegen ausdrücken oder ihm die Pest an den Hals wünschen. Sogar einen Wikipedia-Artikel gibt es bereits in diversen Sprachen über ihn, das hätte Murdochs Gang auch nicht schneller hinbekommen.
Was mach ich jetzt mit Tag 1 meiner sechswöchigen Freiheit? Am besten Ordnung schaffen in Haus und Garten, Alexandra war gestern sehr inspirierend. Sie verfiel in einen wahren Wegwerf-Rausch, den man bereits Donnerstag Abend bremsen musste, als sie unsere französischen Wortschatz-Plakate ins Visier nahm. Dafür ließ ich sie klaglos die Erklärung der Menschenrechte in den Container räumen, schließlich sind die unverständlich, weil auf Französisch verfasst und auf billige Pappe gezogen. Die Charta der Vertriebenen steht allerdings noch in einer Ecke, zu groß für die Müllsäcke und im Glasrahmen. Zudem waren alle Container voll. Soviel zur Wertschätzung der französischen Sprache und der Menschenrechte.
Als ich aber irgendwelche uralten optischen Geräte entsorgte, intervenierten Alexandra und der Schulleiter, um vorher die Linsen zu entfernen. Geschliffene Linsen sind Wunderwerke der Physik und gehören nicht in den Container. Mein Verhältnis zur Physik drückte sich bereits in den Schulnoten aus, dem ist nichts hinzuzufügen.
Interessant auch die Zusammensetzung des Aufräumkommandos. Eigentlich hatten sich vier Leute gemeldet, darunter drei Kolleginnen mit A und ein Abteilungsleiter. Ich habe schon häufiger aufgeräumt und mochte diesmal eigentlich nicht, aber ich wollte dann doch zu gern den Abteilungsleiter und die Kollegin A. wie Absichtserklärung in Aktion sehen. Wie erwartet waren beide nicht da, dafür aber der Schulleiter mit einem Tablett voll Kuchen.
Mein schönstes Erlebnis war der Abschied von Fledermaus, Eule, Frosch und anderem ausgestopften Getier. Ich hoffe auf ein weiterhin tierfreies Lehrerzimmer und befürworte auch Mobbing gegen Hunde*. Dem Hund tut's nicht weh, und das Herrchen kann sich zur Abwechslung mal nicht-muslimischen Feindbildern wie mir zuwenden.
* Der betreffende Kollege diskutiert offensichtlich die Themen der Lehrerkonferenz in all seinen Klassen, dabei soll der Begriff des Mobbings gegen den Hund gefallen sein. Allerdings hat der Hund jetzt ein eigenes Büro und bis zu den Ferien sogar einen Altar im Lehrerzimmer. Und uns bleibt ja immer noch der große Fleck auf dem Teppichboden. Donna, wir werden dich nicht vergessen.
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"In 10-15 Jahren gibt es nur noch digitale Bilder auf Tablet-PCs in den Schulen, auf denen zu sehen ist, womit wir mal gelernt haben... Natürlich im Geschichtsunterricht." (Besserwisser in den Kommentaren)
Das glaube ich nicht, in 10 - 15 Jahren werden wir zu Beginn der Ferien die Tablet-PCs mit dem Staub, der sich darauf angesammelt hat, mitleidslos in den Container entsorgen. Diese Woche konnten Interessierte sich für 30 Euro die ausrangierten Computer aus dem neu ausgestatteten Computerraum mitnehmen. Inklusive Windows XP, Flachbildschirm und Kleinkram wie Tastatur und Maus. Hätten wir das vor 10 - 15 Jahren für möglich gehalten? Und dies ist ja bei Weitem nicht die erste Rundumerneuerung der Computerräume.
Tafeln haben wir übrigens in der ganzen Schule nicht mehr, keine Ahnung, ob die ins Museum oder in den Müll gewandert sind. Und ich möchte unsere Whiteboards nicht mehr missen. Kein Kreidestaub, keine stinkigen Schwämme!
Für Nostalgiker bleibt das Wandbild im Flur, das angeblich unter Denkmalschutz steht, aber meine Anfrage bei der Stadt ergab, das an dem Mythos nichts dran ist.