Ich lese regelmäßig den kritischen Kleveblog, und die Rheinische Post online ist meine Startseite. Aber bei allem Lokalpatriotismus ärgere ich mich doch immer wieder über die Dumpfheit und Dummheit der Klever Stadtväter und Bestimmer. Was der Krieg nicht zerstört hat, wurde in den 60er und 70er Jahren plattgemacht. Ich kann mich noch an viele Gebäude wie die Villa Steiger und das Hotel Bollinger erinnern, auch wurde die wunderschöne Front von Jugendstilvillen an der Tiergartenstraße mit riesigen Gärten und alten Bäumen damals noch nicht vom Klever Ring zerschnitten, das war ein Großvorhaben Ende der 70er. Das alte Kurhaus wurde jahrzehntelang vernachlässigt und als Möbellager einer Klever Firma genutzt. Heute befindet sich dort das Museum Kurhaus, es grenzt an ein Wunder.
Man steckt in Kleve nicht so gern Geld in sein historisches und kulturelles Erbe, lieber speist man bodenlose Fässer wie den 1. FC Kleve, der durch Misswirtschaft und Steuerhinterziehung inzwischen mehrere Millionen Schulden angesammelt hat. Es sah fast so aus, als würde die Stadt auch diesmal den Retter für den Klever Klüngel spielen, aber die Stimmung in der Bevölkerung geht wohl nicht dahin, einen Verein mit Millionen zu unterstützen, der pro Spiel um die 60 Zuschauer ins Stadion lockt.
Einer der großen Sponsoren des 1. FC Kleve ist anscheinend die Volksbank Kleverland. Als die Varnhagen Gesellschaft im Jahre 2004 eine mehrtägige wissenschaftlich-kulturelle Tagung im Klever Schloss Gnadenthal veranstaltete, versuchte ich auch vergebens, der Volksbank eine kleine Spende zu entlocken. Säuerlich wurde mir mitgeteilt, dass nur Klever Vereine unterstützt würden. Dabei wollten wir ja keine Millionen, sondern vielleicht 100 oder 200 Euro. Nun, beim derzeitigen Debakel der Volksbank als Sponsor und Kreditgeber der begnadeten Fußballer bleibt der Vorstandsvorsitzende der Volksbank Kleverland, Frank Ruffing, erstaunlich gelassen. Aber klar, niemand greift den Bankern in deren eigene Tasche, wenn sie Geld verbrannt haben.
Andererseits gibt es auch Spendenanfragen an die Varnhagen Gesellschaft, die im Bereich des Absurden liegen. So möchte eine Dame, deren Funktion nicht genannt wurde, Geld, um an der Rahel-Varnhagen-Promenade in Berlin ein Schild aufzustellen oder eine Hecke zu kürzen. Wohlgemerkt, der einzige Zusammenhang zwischen der Anfrage und der literarischen Gesellschaft ist der Straßenname. Angeblich wird diese Promenade von rasenden Radfahrern unsicher gemacht, die dort die Kinder aus einer Kita anfahren. Nun könnte man ja argumentieren, dass die Varnhagen Gesellschaft sehr wohl verantwortlich ist für das, was auf der Varnhagen-Promenade passiert. Zum Glück gibt es nicht ganz so viele Varnhagenstraßen, -gassen oder -plätze auf der Welt.
Aber Spendengesuche sind eher die Ausnahme. Häufiger erhält die Varnhagen Gesellschaft Anfragen in mehr oder minder netter Form zu den unterschiedlichsten Themen wie Salonleben, Biographien, Literatur, Kunst und Geschichte. Oft sind es SchülerInnen oder StudentInnen, die Referate über Rahel Varnhagen oder die Salonkultur schreiben und um Informationen oder Materialien bitten.
"Sehr geehrter Herr Dr. G. (Name im Original ausgeschrieben), danke für die Antwort. Wir möchten Sie mit unseren Recherchen nicht dazu veleiten, das kostbar erworbene Herrschaftswissen einfach so abgeben zu müssen. Deshalb haben wir uns bei der Recherche nach den Salons in der Berliner Mitte der frei zugänglichen Litaratur bedient. Wir wünschen Ihnen deshalb noch viel Erfolg mit Ihren "Spielregeln" und beim weiteren, hoffentlich weiter kraftvollen Wirken ihres Vereins. Wenn Sie sich einmal grundsätzlich über die Pressefreiheit in Demokratien und die verbreitete Einflußnahme auf die freie Berichterstattung durch vinkuliert, d.h. zweckgebunden vergebene Infomationen informieren wollen stehen wir Ihnen gern zu Verfügung.
Wit empfehlen Ihnen zudem diese Praxis vor dem Hintergrund ggf. vorliegender Gemeinnützigkeit, d. h. Unterstützung durch die Öffentliche Hand zu überprüfen.
Mit freundlichen Grüßen" (Rechtschreib- und Zeichenfehler im Original).
Es ist wirklich bemerkenswert, dass der Redakteur sich die Zeit nimmt, ein schwieriges, aus dem Aktiengeschäft entlehntes Wort zu erklären und selbst in der frei zugänglichen Literatur nachzusehen. Hätte er doch seine Recherche auch gleich noch auf die Bedeutung von "Herrschaftswissen" und "Gemeinnützigkeit" ausgedehnt, dann wüsste er, dass ein gemeinnütziger Verein keine "Unterstützung durch die Öffentliche Hand" erhält, sondern durch unentgeltliche, gemeinnützige Tätigkeit und Mitgliedsbeiträge existiert. Und auch das sicherlich umfangreiche Wissen von Dr. G. gründet sich letztlich nur auf frei zugängliche Literatur.
Oder ist es doch schon so, dass heute jedes Wissen, das nicht per Mausklick vom heimischen Sessel aus gegoogelt oder in einer schnodderigen Email eingefordert werden kann, als Herrschaftswissen gelten muss, da es sich zwischen Buchdeckeln verbirgt und den Autor zwingt, seine knappe Zeit in Bibliotheken zu vergeuden?