• Party, Panik und Placebos

    Es ist schon etwas surrealistisch, wenn man den Unterschied zwischen offiziellen Maßnahmen und dem Verhalten der Bevölkerung betrachtet. Wahrscheinlich hat es auch damit zu tun, dass inzwischen kaum noch einer die simpelste Mathematik beherrscht. Dafür sind alle Großmeister in Dialektik, haben keine Angst, sich zu treffen, zu umarmen, anzuhusten, gleichzeitig hamstern und desinfizieren sie, was nur geht, gern auch grenzüberschreitend.

    Backe backe keinen KuchenIch war ja immer so überrascht von den Berichten über leere Regale, nur gestern wollte ich für meine Mutter eine Tüte Mehl kaufen, aber vermutlich muss sie in Zukunft auf Pfannkuchen verzichten. Ich kann da auch nicht aushelfen, weil ich bloß noch einen kläglichen Bodensatz habe, brauche so gut wie kein Mehl. Was machen die Leute bloß mit diesen Mengen? Die können doch nicht täglich Pfannkuchen essen? Brot gibt es beim Bäcker, Pizza von Dr. Oetker, also warum? Das wäre dann wohl das Kapitel Panik.

    Ich habe aber auch ein bisschen gehamstert, nämlich Medikamente für meine Mutter, ich will ihr ausreichend viele Wochendöschen füllen, falls mich eine Quarantänemaßnahme trifft und ich ihr nichts bringen kann. Überhaupt muss sie eher auf meinen Besuch verzichten zu ihrer eigenen Sicherheit. Wer weiß, ob sich im Laufe der nächsten Tage herausstellt, dass jemand in der Schule infiziert war.

    AnfassbarAlso war ich bei ihrem Arzt, um Rezepte zu holen. Da saß niemand im Wartezimmer, wer kam, konnte so durchgehen, tolles Timing. Vor der Tür ein Spender, um die Hände zu desinfizieren, am Empfang nur eine Dame mit Mundschutz. Der Hausflur duftete schon beim Eintreten angenehm nach Desinfektionsmittel, heutzutage ist das noch beliebter als der Geruch von frischem Brot.

    Dann war ich in der Apotheke und staunte über die Maßnahmen und die Kunden. An der Eingangstür, an allen Seiten der Theken, überhaupt an jeder freien Fläche klebten Zettel, man solle Abstand halten zu den Apothekerinnen und den anderen Kunden. Am Boden rote Kreuze, deutlich war aber nicht, ob das der Abstand zur Theke oder zum Menschen vor einem sein sollte. Irgendwo auch ein blaues Kreuz, vielleicht dort der Beginn der Warteschlange? Und dann kam die Apothekerin, gehüllt in einen durchsichtigen Wegwerfmantel, ich war total verwirrt und fasziniert. Sie erklärte mir, dies sei zum Schutz der Angestellten, damit ihre persönliche Kleidung nicht kontaminiert würde. Denn die Viren flögen ja auch in der Luft herum. Abends werden die Hüllen dann weggeworfen. Über Gesicht und Haaren trugen die Damen allerdings keinerlei Schutz. Sowas nenne ich Placebo. Übrigens war es interessant, die Kunden zu beobachten. Ein etwas einfach gestrickter Mann stemmte sich mit beiden Händen auf die Theke, beugte sich zur Angestellten und fragte sie nach dem Virus aus, u.a. ob man auch daran sterben könne. Ich finde, für den hätte ein einfaches Ja gereicht. Nachdem er gegangen war, wurde tatsächlich dieser Teil der Theke sofort desinfiziert, auch das Bezahlgerät, so kam ich in den Genuss dieses wunderbar beruhigenden Duftes und eines sauberen Kartenterminals.

    Beim Einkauf im Aldi wurden übrigens alle Kunden gebeten, mit Karte zu zahlen, man sei aber auch bereit, Bargeld anzunehmen. Ich liebe die neue Funktion, die Karte nur an das Gerät zu halten und keine Tasten zu drücken. Meine Suche nach Mehl führte mich dann noch in einen anderen Laden, wo die Kassiererin Handschuhe trug. Überhaupt glaube ich, dass die KassiererInnen zu den besonders gefährdeten Menschen gehören, da wären Warnhinweise doch auch angebracht.

    Wen die Götter liebenAuf meinem Weg zum Arzt musste ich ein Stück durch die Fußgängerzone in Kleve laufen und traf auf die Partyfraktion. Nun lässt man die Jugendlichen sicherheitshalber nicht mehr zur Schule kommen, da treffen sie sich in der Stadt und laufen eingehängt durch die Gegend. Eigentlich gab es überhaupt keinen Unterschied zu normalen Tagen.

    Wie auch an anderen Tagen waren viele Niederländer unterwegs, besonders in Kranenburg. Die kaufen seit Freitag tatsächlich den dm und alle Discounter leer, auch Panikkäufe in der Apotheke mit Anruf beim Arzt, damit man die Pille auch ohne Rezept bekäme, das dann nachgereicht würde. Und nachdem die Apothekerin sich ein Bein ausgerissen hatte, war die Kundin noch motzig, dass sie die ganze Packung bezahlen musste und nur die erste Monatsration mitbekam, den Rest dann mit dem Rezept. Immerhin war doch der Abend gerettet und vielleicht auch die drohende Zeit der Quarantäne.

     


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  • Commentaires

    1
    petit larousse
    Mercredi 18 Mars à 16:56

    Tasten wie zB. auch Etagenwahl-Knöpfe im Lift soll man nur mit dem Knöchel drücken, hab ich in einer Experten-Empfehlung gelesen. Aber hast du die Geldkarte auch mit Alufolie umwickelt oder einen dieser neuen anti-Auslese-Portemoinnaies ? "Die NFC-Chips sollen maximal 4 cm weit funken. So wird verhindert, dass niemand aus Versehen zu nah mit seiner Karten an den Terminal der Kasse gelangt. Einige Karten lassen sich mit handlichen Lesegeräten auch über eine Entfernung von bis zu 20 cm auslesen. Kriminelle können unter Menschenmassen spielend leicht das Lesegerät für wenige Sekunden an das Portemonnaie in Ihrer Hosentasche halten. Die Daten werden ausgelesen und im Anschluss auf eine Blanko-Karte übertragen, mit welcher der Dieb dann einkaufen gehen kann." Noch mehr Grund, immer schön Abstand zu halten...

    2
    Mercredi 18 Mars à 17:14

    -Tatsächlich habe ich eine Sicherung mit Alufolie, aber sowieso lasse ich keinen in meine Nähe. Gar nicht so einfach, die Leute rücken einem auf den Pelz an der Kasse.

    3
    Apothekendependente
    Mercredi 1er Avril à 17:25
    In unsere Apotheke kommen nicht mehr als drei Kunden gleichzeitig rein. Draussen bitte warten, bis die Tür wieder aufgeht.
    Drei Bedienungsschalter mit Schutzglas, drei Kunden. Man fühlt sich gesichert. Heute war mein erster Ausgang seit drei Wochen. Erster April, schön!
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